Wissenschaftliche Belege für TCM – Ein Vergleich von Äpfeln mit Datteln

TCM und wissenschaftliche Belege – Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass chinesische Medizin auch tatsächlich wirksam ist? In der westlichen Medizin nimmt man ja ausschließlich wissenschaftlich nachgewiesene Substanzen ein.

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Die kurze Antwort lautet: „Ja, teilweise. Wissenschaftliche Belege nach westlichen Standards für die Wirksamkeit von TCM gibt es in der Tat nur sehr limitiert, allerdings aus verständlichen Gründen.”

Einzelne TCM-Heilkräuter sind bereits relativ ausführlich untersucht worden. So sind beispielsweise Astragalus, Ginseng und Magnolia nachgewiesen wirksam. Für eine gute Übersicht über wissenschaftliche Belege bzw. Studien zu verschiedenen Stoffen und Kräutern empfehlen wir die Webseite Examine.com.

Hier finden Sie eine entsprechende Übersicht. Das bekannteste Beispiel dürfte der Wirkstoff Artemisinin sein, dessen Ursprung in der TCM ist – Artemisinin-basierte Therapien sind die von der WHO offiziell empfohlene Behandlungsmethodik gegen Malaria.

Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit von Akupunktur gibt es inzwischen schon viele. Eine Meta-Analyse finden Sie hier, eine weitere Meta-Analyse von der National Library of Medicine (USA) hier. Ein Beitrag von der Harvard-Universität ist hier zu finden, eine Studie vom U.S. Department of Health & Human Services hier. Unter anderen berichtet auch die New York Times hin und wieder über die Wirksamkeit von Akupunktur (hier).

Die lange Antwort ist natürlich jedoch die hilfreichere:

Eine Klarstellung vorweg: Die Frage, ob ein Heilkraut mit wissenschaftliche Belegen „wirklich wirkt“ ist eine andere, als die Frage, ob ein Heilkraut speziell als Heilmittel gegen eine spezifische Krankheit wirksam ist, wofür sie verschrieben wird. Natürliche Substanzen haben häufig Einfluss auf eine ganze Reihe von Aspekten des menschlichen Körpers. Nicht jedes TCM-Heilkraut wurde bereits auf sämtliche dieser Aspekte wissenschaftlich studiert.

Hinter solchen Fragestellungen steckt häufig ein grundsätzliches Missverständnis der „chinesischen Medizin“ als Oberbegriff verschiedener gesundheitsbezogener Produkte in China und sie ist häufig keine zielführende Frage, denn:

1. Wir müssen zwischen verschiedenen Kategorien innerhalb der „chinesischen Medizin“ unterscheiden. Auch wenn wir im Sprachgebrauch von chinesischer „Medizin“ sprechen, beinhaltet das herkömmliche TCM-Sortiment auch viele Nahrungsmittel – in Supermärkten häufig „Superfoods“ genannt – die gesund bzw. gut für den Körper sind, etwa weil sie reich an Vitaminen sind. Darunter fallen z.B. chinesische Datteln, Maulbeeren oder Goji-Beeren. Die Frage, ob diese Art von TCM wirksam sei, ist äquivalent zu der Frage, ob  Äpfel wirksam sind. Die Frage nach “Wirksamkeit“ ist in dem Kontext nicht passend, da „Medizin“ hier nicht gleichbedeutend mit „Medikament“ ist. 

2. Zahlreiche TCM-Kräuter werden basierend auf langjähriger Erfahrung nicht zur Heilung eingenommen, sondern vielmehr zur Vorbeugung von Krankheiten. Bei TCM geht es auch grundsätzlich weniger darum, bei einer gegebenen Krankheit die richtige Heilmethode zu finden. Vielmehr ist der Fokus darauf, mit präventiver Behandlung zu verhindern, dass man Krankheiten erst bekommt und ein Medikament zur Heilung benötigt. Dies sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man aus einer bestimmten Perspektive heraus (wissenschaftliche Belege für) TCM direkt mit westlicher Medizin vergleichen möchte. Denn sie sind keine direkt vergleichbare, gegensätzlichen oder widersprüchlichen Optionen. Warum ein Mensch frei von Krankheiten ist, kann aber nicht auf einen einzigen Faktor zurückgeführt werden. Die Wirkungen vieler Kräuter entfalten sich außerdem über die mittlere oder lange Frist, nicht jedoch über einen kurzen Zeitraum. Ihre Wirksamkeit ist daher oft deswegen nicht mit wissenschaftlichen Belegen nachgewiesen, weil sie nicht auf realistischer und zufriedenstellender Weise nachgewiesen werden kann.

Für einen wissenschaftlichen Versuchsaufbau müssten Forscher zwei Gruppen von Menschen über Jahrzehnte beobachten, um herauszufinden ob z.B. Goji-Beeren-Konsumenten weniger oft erkranken als Nicht-Goji-Beeren-Konsumenten. Dass dies bislang noch keine Universität oder Institut getan hat (auch nicht für Äpfel), ist allerdings keine Überraschung: Solche Experimente sind mit einer ganzen Reihe von Problemstellungen verbunden, deren Überwindung den Nutzen der Experimente übersteigen, wie z.B.:

– Unverhältnismäßig hohe Kosten und lange Laufzeit der Studien im Verhältnis zum Aussagewert

– Die praktische Unmöglichkeit einer zureichend kontrollierten Umgebung, d.h. also die Gleichhaltung sämtlicher anderer Faktoren, die die Gesundheit der Teilnehmer*innen beeinflussen

– Das Auffinden ausreichend vieler Teilnehmer*innen, die das zu testende Produkt über einen ausreichend langen Zeitraum einnehmen bzw. nicht einnehmen

Zwei extreme, übertriebene Beispiele veranschaulichen diese Problematik:

Beispiel A. Man möchte die Wirkungen einer Frucht in demjenigen Land testen, aus dem sie stammt und in dem sie zu jeder Mahlzeit dazugehört. Eine Herausforderung ist es bereits, eine ausreichend große Grundgesamtheit von Menschen zu finden, die diese Frucht entgegen ihrer regionalen Kultur und Gewohnheiten nicht essen. Eine weitere ist es, sicherzustellen, dass diese Menschen in sämtlichen anderen Hinsichten so gut wie identisch zu den Menschen in der anderen Gruppe sind, die die Früchte essen.

Beispiel B. Man könnte die Frucht auch in einem anderen Land testen, in dem sie nicht verbreitet ist. In diesem Fall muss man entweder eine Gruppe von Menschen für die nächsten Jahrzehnte zum Essen der Frucht motivieren und streng beobachten, oder aber existierende Esser dieser Frucht finden, die nicht gleichzeitig auch viele andere Gemeinsamkeiten haben. Gemeinsamkeiten wie z.B. Affinität zu eben dem Ursprungsland der Frucht aus Beispiel A und damit verbunden auch weitere Essensgewohnheiten. Denn wenn weitere solche Gemeinsamkeiten in der Tat existieren, können etwaige Beobachtungen wiederum nicht ausschließlich auf die Frucht zurückgeführt werden.

3. Im Kontext von heilenden TCM-Kräutern ist das wissenschaftliche Prüfen auf Wirkungsweisen und Wirksamkeit durch die Natur der Forschungsfrage zwar deutlich einfacher durchführbar. Dennoch gibt es logische Gründe, warum die meisten chinesischen Heilkräuter bis heute nicht nach den „westlichen“ Standards der Wissenschaft auf ihre Wirksamkeit geprüft wurden.

Einen Grund stellt die geografische und kulturelle Entfernung zwischen China und den formellen Standards für wissenschaftliche Belege in der westlichen Medizin dar, die sich auch selbst noch kontinuierlich weiterentwickeln. Standards in der Wissenschaft gleichen sich zwar allmählich weltweit an, allerdings eben nur allmählich.

Kritiker der TCM zitieren in diesem Kontext des Öfteren einen Witz: „Wie nennt man chinesische Medizin, die nachweislich funktioniert? „Medizin!““. Diese Aussage mag bezogen auf unseren alltäglichen Sprachgebrauch durchaus korrekt sein – schließlich stammen sehr viele unserer modernen Medikamente, die wir „Medizin“ nennen, ursprünglich von natürlichen Substanzen, die nach und nach erforscht wurden und wovon die Wirkstoffe extrahiert wurden. Theoretisch könnte man im Sprachgebrauch also unterscheiden zwischen A) chinesischer Medizin, die in westliche Medizin inkorporiert wurde und nicht mehr chinesische Medizin genannt werden „sollte“ und B) die „übrige“ chinesische Medizin. Allerdings besteht auch hier ein weiteres Missverständnis, wenn man damit ausdrücken will, dass jegliche Medizin, die heute als „chinesische Medizin“ bezeichnet wird, keinen Wert hat bzw. nicht funktioniert:

Zum einen stellt TCM wie eingangs erwähnt in China einen Obergriff verschiedener gesundheitsbezogener Produkte dar, weswegen auch die in die westliche Schulmedizin inkorporierten Substanzen absolut weiterhin unter die Terminologie fallen. Weiterhin herrscht eine falsche Auffassung darüber, an welchem Punkt des Zeitstrahls wir uns befinden, wenn es um die Erforschung natürlicher Substanzen nach westlichen wissenschaftlichen Standards geht – und warum.

Um diesen Punkt zu verdeutlichen, machen wir einen gedanklichen Kurzausflug in den Westen. Genau wie bei TCM wirken auch „westliche“ natürliche Substanzen häufig auf mehrere verschiedenen Aspekte des menschlichen Körpers ein. Und doch gibt es selbst für weltweit etablierte Drogen bzw. Wirkstoffe wie etwa (das in Teepflanzen enthaltene) Theanin, Nikotin oder Koffein auch heute noch in einigen Wirkungsbereichen nicht genug Studien, um ihre „Wirksamkeit“ in allen relevanten Hinsichten (Metabolismus, Kurzzeitgedächtnis, etc.) bestätigt zu haben. Und während wir Nikotin selbstverständlich mit Zigarettenrauchen assoziieren, scheint es laut jüngster Studien in purer Form auch ein Nootropikum („Gehirndoping-Mittel“) zu sein, was allerdings noch nicht sonderlich ausführlich erforscht ist. Paracetamol ist in diesem Zusammenhang ein weiteres interessantes Beispiel, denn die Details um die genaue Wirkungsweise der Substanz sind bis heute nicht bekannt. Das gleiche gilt für mehrere zig weitere Substanzen.  

Aber rauchen ist doch ungesund und keine Medizin! Was hat das alles mit TCM zu tun?

Ganz einfach:

  1. Wir befinden uns daher nicht am „hinteren“ Teil des Zeitstrahls, sondern bezüglich sehr vieler Substanzen in der (teilweise noch nicht einmal begonnenen) Erforschungsphase – und das gilt sowohl für „asiatische“ als auch für „westliche“ Substanzen, wenn auch zugegebenermaßen nicht zum gleichen Ausmaß.
  2. Der Grund, warum diese Studien noch nicht existieren (und ggf. auch in absehbarer Zeit nicht existieren werden), ist in vielen Fällen der gleiche: Diese Studien sind teuer und aufwändig. Daher können sie nur ausgeführt werden, wenn es einen Auftrag- und Finanzierungsgeber gibt, der die Durchführung der Studien als sinnvoll und lohnend ansieht und daher beauftragt.  Westliche potenzielle Auftraggeber (wie etwa Pharmafirmen) investieren ihre Ressourcen verständlicher Weise lieber in die Entwicklung ihrer neuen chemischen Medikamente anstatt in TCM, während es für potenzielle Auftraggeber in China nicht genug Bedarf nach TCM-Studien auf westlichen Standards gibt. Und Kaffee verkauft sich weltweit so gut, dass kaum ein potenzieller Auftraggeber es als notwendig oder verlockend ansieht, die Wirkungen der Bohne noch näher zu erforschen.

 

Im Westen sind viele Menschen verständlicherweise dazu verleitet, chinesische Medizin aufgrund fehlender wissenschaftlicher Bestätigung der Wirksamkeit gänzlich abzulehnen. Eine falsche Auffassung besteht dabei aber darin, anzunehmen dass TCM-Kräuter im Westen bereits ausreichend sorgfältig erforscht wurden, sodass die wirksamen Kräuter bereits in die westliche Medizin übernommen worden sind, während die unwirksamen „in der TCM geblieben“ sind. Dies ist nicht der Fall, und zwar in vielen Fällen schlichtweg deswegen, weil es nicht genug Anreize für potenzielle Auftraggeber gibt, die entsprechenden Studien durchführen zu lassen.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass es natürlich eine berechtige Frage ist, ob die Wirkung von chinesischer Medizin nachgewiesen ist. Es gibt TCM-Kräuter, die nach westlichen Standards erforscht und in die westliche Medizin inkorporiert wurden, während es für andere noch nicht genug Studien gibt. Warum dies so ist, hängt vom jeweiligen konkreten Beispiel ab.

  1. Bei „Superfoods“, die unter TCM als Oberbegriff fallen, ist die Frage zwar mit Nein zu beantworten, aber auch von vornherein keine sinnvolle Frage.
  2. Für mittel- bis langfristig vorbeugenden Drogen gibt es verständlicherweise keine bzw. wenige Nachweise, weil man erfolgreiche Vorbeugung nicht realistischerweise auf eine einzelne beitragende Heilpflanze zurückführen kann.
  3. Bei heilenden Kräutern fehlt es bei den potenziellen Auftraggebern oft an Anreiz für die teuren und aufwändigen Studien.  

Zwar ist die Wirkung von manchen TCM-Kräutern also in der Tat nicht nach westlichen wissenschaftlichen Standards nachgewiesen. Die allermeisten TCM-Heilkräuter kann man jedoch bedenkenlos einnehmen, da keine nennenswerten Nebenwirkungen auftreten können. Diejenigen Kräuter, die bei falscher Anwendung gefährlich sein könnten, sind in Deutschland entsprechend apotheken- bzw. verschreibungspflichtig.

Wir von HerbaSinica setzen auf altbewährte chinesische Erfahrungen und Heilkräuter auf den höchsten Qualitäts- und Sicherheitsstandards. Für fehlende wissenschaftliche Nachweise der Wirksamkeit nach aktuellen westlichen Standards gibt es verschiedene Gründe – diese sehen wir jedoch keinesfalls als Hindernisse an, TCM trotzdem Ihrer Gesundheit zuliebe zumindest auszuprobieren.